Lügengeschichte

 

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Anmerkungen zur Lügengeschichte

 

Die Lügengeschichte ist der Phantasieerzählung nahe verwandt. Die dort erarbeiteten Kriterien lassen sich leicht modifizieren und auch hier anwenden. Freilich sind zusätz­liche Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Besonders sollte beachtet werden:

-Die Geschichte sollte auf einer zentralen Lüge aufbauen, d.h.: es sollten nicht einfach einige mehr oder weniger willkürlich zusammengetragene Lügen angehäuft bzw. zufällig aneinandergereiht werden.

-Auch das erlogene Geschehen muß begründet sein und in einem logischen Zusammenhang stehen. Beispiel: Angesichts morastiger Straßen ist es tatsächlich sinnvoll, im Winter zu reisen.

-Die Lüge selbst darf nicht als zufallsbestimmter, beliebig einsetzbarer "deus ex machina" benutzt werden.

-Innerhalb einer einmal angefangenen Lüge darf es keine Widersprüche geben.

-Am besten erzählt man aus der Ich-Perspektive, das erhöht die Glaubwürdigkeit. Gelegentlich wird man auch Zeugen, Dokumente usw. anbieten, um die "Wahrheit" des Erzählten zu untermauern.

-Man kann natürlich auch einen eigenen Erzählrahmen vorgeben, in dem ein erfundener Erhähler erfundenen Zuhörern seine Geschichte erzählt und glaubwürdig macht. Der reale Zuhörer kann nun in die Rolle des erfundenen Zuhörers schlüpfen und wird mit diesem zusammen überzeugt.

 

Die Vorzüge der Lügengeschichte:

Unterrichtsmethodisch wird man sie zusammen mit literarischen Vorbildern behandeln. Bei der Behandlung der literarischen Vorbilder (Lesebucharbeit!) sollten im Hinblick auf die Schreiberziehung folgende Elemente im Vordergrund stehen:

a) Herausarbeitung des jeweiligen Erzählkerns (Wir verfolgen damit die Absicht, Wesen und Funktion der zentralen Lüge herauszuarbeiten);

b) Untersuchung des Spannungsverlaufs (Dabei wird man zunächst einmal den Spannungsverlauf als solchen, d.h. das jeweilige Verhältnis zwischen Text bzw. dem im Text dar- und vorgestellten Geschehen und dem Leser bzw. dessen emotionaler Verfassung beschreiben, ehe man sich den Faktoren zuwendet, die dieses Verhältnis bestimmen. Dazu gehören besonders die inhaltlichen Elemente, aber auch die gezielt eingesetzten Darstellungsmittel.)

c) Aus den Untersuchungen läßt sich direkt ableiten die Untersuchung des Verhältnisses Autor - Leser. Dabei sollte es nicht nur um den Spannungsaufbau gehen. Im Mittelpunkt könnte jetzt die Frage stehen: Wie schaffte es der Autor, dass wir als Leser oder Zuhörer ihm seine Lüge überhaupt abnehmen und nicht von vorn herein bzw. nach den ersten Sätzen schon abschalten?

d) Aus diesen Überlegungen ergibt sich zwangsläufig die Frage nach der Funktion der eingesetzten Lüge bzw. der Lügen. Hier sollten Fragen geklärt werden wie:

-Wo werden diese Lügen eingesetzt?

-Wie läuft die übrige Handlung ab?

-Welche Begründungszusammenhänge gibt es zwischen den einzelnen Telhandlungen?

Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang eine Abgrenzung gegenüber dem Märchen, der Sage und der Legende vorzunehmen.

Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen zu rechnen ist:

1) Viel Erlesenes wird auftauchen. Wesentliche Elemente der literarischen Vorbilder werden übernommen, besonders im Bereich Handlung, Handlungsführung.

Gegenmaßnahmen: Man wählt Themen, die noch nicht bearbeitet wurden. Beispiele: Schwierigkeiten mit dem Fahrrad kenn ich nicht.

Hier könnte man sogar Stichpunkte vorgeben, die verwertet werden müssen, also: eilige Fahrt, Hinterrad kommt plötzlich abhanden, Ziel dennoch pünktlich erreicht.

Oder man gibt den ganzen Erzählkern knapp an, spart aber die zentrale Lüge bzw. deren Motivierung aus: Beispiel: Zirkusvorstellung, Dompteur wird ohnmächtig, ich springe ein, keine Probleme mit dem Löwen

2) Stereotype Einleitungen tauchen auf, wie wir sie von Märchenanfängen her kennen.

Gegenmaßnahmen: Die Anfänge der literarischen Vorbilder werden genauer untersucht. Hinweis: Dort taucht relativ häufig ein "Erzählrahmen auf, d.h. es werden fiktionale Zuhörer in die Geschichte eingebaut, die zunächst einmal als Hörer der zu erwartenden Erzählung angesprochen werden, dann aber den realen Zuhörer vertreten bzw. ihn dazu verleiten, sich mit ihnen zu identifizieren. Oder aber die Schülerarbeiten werden während der Übungsphase intensiv besprochen und verbessert. Hierbei lassen sich erzählerische Tricks von Fall zu Fall erläutern, so z.B.:

-mitten im Geschehen beginnen, dann mit Wendung an die Zuhörer Zurücknahme und Beginn von vorne. (Auch solche Tricks eignen sich die Schüler relativ schnell an und verwenden sie dann immer wieder, ob sie nun gerade passen oder nicht.)

-Die Erzählanfänge der literarischen Vorlagen machen oft sehr detaillierte Angaben über die näheren Umstände des zu erwartenden Geschehens.

3)Das erlogene Geschehen  wird nur mangelhaft begründet bzw. steht in keinem sinnvollen logischen Zusammenhang.

Gegenmaßnahmen: Schon bei der Besprechung der literarischen Vorlage wird man immer wieder auf die Funktion der zentralen Lüge eingehen und die Logik des weiteren Handlungsablaufs untersuchen. Bei der Besprechung der Schülerarbeiten wird man besonders darauf achten, dass die Lügen nicht "wild" eingesetzt werden. Es sollte herausgearbeitet werden, dass durch eine Abweichung das zentrale Geschehen verschoben wird, während die übrige Handlung sowie der Rahmen selbst realistisch bleiben und den Gesetzen der Logik folgen.